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Keine Richtungsänderung in Sicht

Keine Richtungsänderung in Sicht

Mattias Horx, seines Zeichens selbst ernannter Zukunftsforscher, will mit dem Titel „Zukunft wagen“ wohl eine Analogie zu Willy Brandts berühmten Ausspruch herstellen: „mehr Demokratie wagen“.

Das Buch war ein Spontankauf. Ich kenne Herrn Horx von Vorträgen, die er für ein fürstliches Honorar vor „fortschrittlichen“ Unternehmen hält, - mit immer gleich ähnlichen Inhalt.

Horx hält sich für einen konvertierter alt 68‘ er, das behauptet er jedenfalls, aber so ganz kann es nicht zutreffen, den 1968 war er 13 Jahre alt. Der Tenor seines Buchs, das kann man auf dem Buchrücken nachlesen, „dies ist ein Buch über den Umgang mit Angst“. Daran orientiert sich sein Argumentationsmodell, nach dem wir alle die Zukunft fürchten, weil wir Angst vor Veränderung und drohenden Krisen haben. Uns also selbst blockieren, weil die Gesellschaft Bedrohungen größer einschätzt, als sie in Wirklichkeit sind. Die Gegentheorie dazu lautet simpel „alles wird gut“ und dazu glaubt Horx, dem Leser gute Argument zu präsentieren.

Dieses Buch zeichnet sich durch eine Aneinanderreihung von Zitaten aus. Der Quellennachweis umfasst allein 21 Seiten. Es erscheint somit eher als eine Studienarbeit, die durch Horx‘ immer gleiches Argumentationskonstrukt, eine These über den „Apokalyptischen Spießer“ zusammengeklebt wird. Auch die Erwartung, ein nach Themen gut gegliedertes Werk mit Aufbau in der Hand zu halten, wird enttäuscht. Vom „Nordic Noir“ springen wir zu „Risiken und Wahrscheinlichkeiten“, dann über Horx‘ Kindheit zur Esoterik. Nur ein Beispiel. Da hilft es auch nicht, dass die Kapitel schön durchnummeriert sind.

Richtig und schlüssig analysiert Horx die Grenzen menschlicher Kognitivität und damit Mechanismen, die zu irrationalem Denken und Handeln beim Menschen führen. Daraus zu folgern, dass somit jeder Staatsbürger die Staaten-Gesellschaften oder die Gesellschaft als solches für die Krisen der Welt selbst verantwortlich sind, ist allerdings ein Trugschluss.

Am Beispiel der vom Club of Rome in Auftrag gegeben Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft, zeigt Horx auf, wie falsch doch die damals aufgestellten Prognosen waren. Es war Anfang der 70‘ Jahre, derartige Berechnungen des sog. „Welt3“ Modells konnten nur auf, aus heutiger Sicht, vorsintflutlichen Großrechnern durchgeführt werden. Das Modell war beschränkt und viele Faktoren, wie die Erschließung neuer Rohstoffquellen, z.B. in den Ozeanen, wurden nicht einbezogen. Das Horx deshalb den Sinn dieser Studie bezweifelt, ist seine Fehleinschätzung.

Die 70‘ Jahre waren Zeiten des Umbruchs der Gesellschaft. Der Weg hin zur Europäischen Union war durch die EWG bereits begonnen. Man erkannte, dass Wachstum nicht zum ständigen Nachteil für die Umwelt generiert werden konnte, Umweltschutz war ein Fremdwort. Die Gesellschaft in Deutschland wollte sich nicht mehr von ultra-Rechten und ehemaligen Nazis gängeln lassen, verweigerte den Kriegsdienst und versagte die Obrigkeitsgläubigkeit. Der kalte Krieg war auf dem Weg seinem Höhepunkt und man musste reale Angst haben. Alle diese Faktoren, von Horx unberücksichtigt, haben die seinerzeitigen Machthaber gezwungen, einzulenken oder dazu geführt, dass sie eliminiert wurden. F. J. Strauß wurde nie Bundeskanzler, weil die Mehrheit seinen wirtschaftslobbyistischen Extremismus in Deutschland nicht haben wollte.

Was Horx ebenfalls nicht versteht, ist, dass Kriege und Krisen nicht intrinsisch aus der Gesellschaft generiert werden, sondern immer durch wenige mächtige Egozentriker verursacht werden. In der Vergangenheit waren das Fürsten, Diktatoren und Staatsoberhäupter, da sie mit Gesetzen, Geld, Ressourcen, religiösen Motiven, der Wirtschaft ihre Macht gegenüber dem Volk durchsetzen konnten. Heute tragen vermehrt religiöse Wahnvorstellungen und multinationale Superkonzerne zu Konflikten und Krisen bei. Wer, außer wenigen Verblendeten, will freiwillig in einen Krieg ziehen. Selbst das Nazi Regime musste sein Volk durch Angst, Terror und Massen Hysterie zuerst für den Krieg konditionieren. Permanente Propaganda zur Gehirnwäsche.

Horx‘ Weltthese „alles wird gut“, wenn wir am besten einfach nur zuschauen und auf Selbstregulierung vertrauen, halte ich für wirkliches Spießertum. Wer akzeptiert, dass bittere Armut ein natürlicher Bestandteil der sich selbst zum guten organisierenden Welt sein soll, dem fehlt es selbst an gehöriger Sozialkompetenz.

Solange wir es zulassen, dass wir in der „ersten Welt“ billige Waren kaufen, die von Kindern in den Armutsregionen dieser Welt für einen Hungerlohn produziert werden, gibt es kein Recht zu Gelassenheit und Ignoranz. Wer hier schön warm und gemütlich in seinem Wohnzimmer sitzt und über die Zukunft sinniert, Slums als „Durchlauferhitzer für in ein besseres Leben“ entdeckt, Atom Katastrophen, wie Tschernobyl als Katalysator für „blühende Landschaften“ wahrscheinlich hält, Finanzkrisen negiert, sollte diese Thesen eigentlich besser für sich behalten.

Ich stimme zu, dass Angst die falsche Aktion ist, richtig ist die Einmischung und davon lese ich in diesem Buch zu wenig. Angst blockiert und lässt erstarren, wie ein Kaninchen vor der Schlange. Die Schlange muss in ihre Schranken gewiesen werden.

Aus diesem Grund müssen wir wachsam bleiben und einen Gegenpol bilden. Finanzkrisen bzw. den Zusammenbruch des Finanzsystems in seiner heutigen Form zu negieren ist Verdummung. Staaten haben heute Billionen an Schulden, die sie im Ernstfall ohne zu zögern auf die Gesellschaft abwälzen werden. Diese Schulden können niemals durch Schuldentilgung beglichen werden. Im Gegenteil, durch Zinsleistungen wird real erwirtschaftetes Kapital verbrannt und bereichert allein die Gläubiger. Dafür fehlen Investitionen in das Gemein-Eigentum. Infrastruktur verkümmert (Schauen Sie sich den Zustand des deutschen Straßennetzes und seiner Brücken an, dabei ist Deutschland die potenteste Wirtschaftsnation in ganz Europa).

Eine gewissenlose Ausnutzung von Ressourcen durch die Minderheit der Weltbevölkerung wird den Graben zwischen Arm und Reich vertiefen. Armut und Diskriminierung sind Nährboden für immer neue Krisen und religiösen Wahn. Wer nichts besitzt, außer seinem Glauben an eine bessere Welt nach dem Tod, wird zum willfährigen Handlanger religiöser Despoten. Eine verhinderte Konfliktlösung mit Israel im mittleren Osten hat zu einer Radikalisierung der gesamten Region geführt.

Hunderte Jahre Ausbeutung von Afrika, durch Kolonialismus, Sklavenhandel, Unterdrückung und Ressourcen-Diebstahl führen heute zum Flüchtlingsproblem. Aber anstatt die wahren Ursachen beim Namen zu nennen, findet eine unsägliche Debatte darüber statt, wie viele Flüchtlinge wir denn aufnehmen wollen und ob Geld ausgeben sollen, um die ertrinkenden zu retten. Tatsache ist einfach, dass von dem gigantischen Geldstrom, der um die Welt zirkuliert nichts bei denen ankommt, die es wirklich benötigen. Horx‘ These, dass der wohlhabende Inder oder Afrikaner uns bedrohlich erscheint, weil wir insgeheim die „gute alte Weltordnung“ erhalten möchten, erscheint mir wahnwitzig. Ich bin davon überzeugt, dass dies niemand in einer modernen Gesellschaft so sieht. Vielmehr rechne ich diese Denkweise den ewig Gestrigen und unbelehrbaren Wohlhabenden zu.

Bleibt die Theorie vom unbegrenzten Wachstum und der Selbstregulierung von Bevölkerungswachstum und Ressourcenverbrauch. Ewiges Wachstum in einer begrenzten Welt ist ein ständiger Irrtum, auch dann, wenn er Wissenschaft genannt wird. Bei der Globalisierung stimme ich Horx zu, dass es viele Vorteile gibt indem sich viele Menschen unterschiedlicher Kulturen begegnen um festzustellen, dass sie gar nicht so exotisch oder anders sind, als wir. Ein gutes Mittel um den Rassismus abzubauen. Globalisierung schafft aber auch neue Probleme. Sie führt dazu, dass große Konzerne immer weiter wachsen und verstärkt Machtmonopole entstehen. Einige Konzerne haben inzwischen größere Haushalte als ganze Länder. Die Konzentration von Kapital führt zu einer Konzentration von Macht und zum Verlust von Diversifikation. Wenn z.B. Google als einzige Suchmaschine von allen genutzt wird, kann Information im Sinne eines Unternehmens und der Wirtschaft in den Suchergebnissen so manipuliert und einseitig im Sinne wirtschaftlicher Vorteile präsentiert werden. Wer schaut sich schon hunderte Suchergebnisse seiner Abfrage an?

Parallel dazu wird es immer einfacher, unendlich viele Daten über jeden einzelnen zu sammeln. Inzwischen ist es möglich, jedes Gespräch abzuhören, jede eMail zu scannen und auf Inhalte zu prüfen. Wir hinterlassen ständig digitale Spuren, sind anhand der Informationen, die wir mit unserem Smartphone transportieren eindeutig zu identifizieren. Man kennt unsere politische Einstellung, was wir essen, wohin wir reisen, unsere sexuellen Präferenzen, ob wir solvent oder pleite sind, - alles. Diese Daten können gezielt von Unternehmen genutzt werden. Wer seine Anonymität retten will, muss auf alle technischen Möglichkeiten verzichten. Erinnern Sie sich noch an Edward Snowden und Julian Assange. Ihre Situation beweist, wie prekär die Situation für Geheimdienste wird, wenn das ganze Ausmaß an Überwachung und Lügen transparent wird. Darauf steht gegebenenfalls die Todesstrafe! Es ist im Grunde schlimmer als jede Vorstellung Orwells in seinem Roman 1984.

Fazit, Horx hat ein inszeniertes Konstrukt aufgebaut. Angst hat die Mehrheit reflektierender Mitmenschen entgegen seiner Vermutung nicht, sehr wohl aber eine begründete Vorsicht. Er hält uns den „apokalyptischen Spießer“ vor, der in der Tat verachtenswert ist, bleibt aber leider selbst in seinen Thesen ein „neokonservativer ideologischer Spießer“ der gern gegen „Linksgrüne“ austeilt.

Hier ein Zitat aus dem Buch, das dieses Spiel der Meinungsmache besonders herausstellt. Vorher wird ausgiebig über Arm und Reich philosophiert:

„Die gute, alte Ordnung war uns im Grunde lieber. Hier der Reichtum, für den wir ein schlechtes Gewissen, aber immer genug zu Essen und Spesen hatten. Dort das Elend, der Hunger, die Abhängigkeit, für die man spenden oder die man bemitleiden konnte. …… Das konstituierte eine Weltordnung, an der wir uns orientieren konnten.

Nichts macht uns hingegen verwirrter als reiche Inder oder schwarze Banker oder viele Chinesen, die plötzlich genau jene SUV’s fahren wollen, mit denen die besorgten linksgrünen Eltern ihre Kinder zur Kita fahren.“

Abgesehen davon, dass SUV’s gefahren werden, weil die Automobilindustrie diese Produkte geschickt dem Verbraucher eingeredet hat ist es einfach frech oder ignorant, dem Leser eine so platte, unreflektierte Sichtweise der Welt zu unterstellen.

Tag(s) : #Gesellschaft

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