Vordergründige Wahrnehmung steht auf wackeligen Füßen. Die vom Menschen empfundene Wirklichkeit ist trügerisch. Wahrheiten und Sachlagen erweisen sich als menschliche Konstruktionen ohne fundamentale Nachweisbarkeit. Einfach ausgedrückt, - so, wie die Welt uns erscheint, ist sie nicht. Es besteht eine gewisse Übereinstimmung mit der Einsteinschen Theorie von Zeit und Raum. Es kommt auf den "Standpunkt" des Betrachters an. Und der Standpunkt des Betrachters ist relativistisch.
Stellen wir uns ein Ehepaar vor, dass eine Auseinandersetzung über Kindererziehung führt. Die schulischen Noten des Sohnes sind abgerutscht und die Mutter möchte, dass er am Wochenende lernt und sich nicht mit seinen Freunden trifft. Vater und Mutter haben die gleichen Informationen über die Sachlage. Den Partnern sind in diesem Szenario alle Fakten bekannt. Dennoch entsteht ein Streit, denn der Vater möchte toleranter sein und seinem Sohn mehr Freiheiten gewähren. Fakten, die Wirklichkeit also, werden von beiden Personen völlig unterschiedlich gesehen und in ihre Argumentation eingebaut. Da sich der Konflikt auf der Beziehungsebene abspielt, stehen die Chancen gut, dass zum Schluss völlig an der Sache vorbei diskutiert wird.
Und das obwohl wir Menschen der Meinung sind, unsere Welt sei so wirklich, wie wir sie mit unseren Sinnen und dem Verstand wahrnehmen.
Daher stammt wohl auch die wirkliche Stammtisch-Erkenntnis "Ich glaube nur, was ich sehe".
Für das alltägliche Leben sind unsere Sinne Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen, Hören ausreichend und weil wir seit der Geburt mit ihnen leben, stellen sie für uns die Realität, unsere "Wirklichkeit" dar.
Nun leben auf diesem Planeten Lebewesen, die im Bereich der Sinneswahrnehmungen zum Menschen stark abweichen. Insekten können im UV-Bereich des Lichtes sehen. Fledermäuse sehen mittels des Echos des von ihnen selbst erzeugten Ultraschalls. Hunde riechen um ettliche Zehnerpotenzen besser als ein Mensch.
Hätte der Mensch ähnliche Fähigkeiten, so würde er die Welt, also seine Wirklichkeit, völlig anders erleben.
Eine zweite Komponente der Wirklichkeit ist die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Derjenige, der intellektuell besser ausgestattet ist, wird die ihn umgebende "Realität" deutlich differenzierter wahrnehmen.
Eine dritte Komponente sind Erfahrungswerte. Erfahrungswerte sind quasi unsere persönlichen experimentellen Ergebnisse mit unserer Umgebung. Bevor wir eine heiße Herdplatte anfassten, wussten wir nicht, was hohe Temperaturen mit unserem Körper anstellen. Seekrankheit ist für uns nicht vorstellbar, solange wir keine Schiffsreise unternommen haben. Liebeskummer ist erst dann begreifbar, nachdem er das erste Mal durchlebt wurde. Deshalb ist der erste Liebeskummer auch eine so schreckliche Erfahrung.
Viele Erfahrungen werden wir nur aus dritter Hand "erleben", da unsere Lebenszeit und unser Mut nicht ausreicht. Wir werden vielleicht nie mit einem Fallschirm abspringen, als Soldat einen Krieg erleben, Gruppensex haben, Bundeskanzler oder Promi sein, einen Mord aufklären. Dennoch entwickeln wir Vorstellungen darüber und sind verrückt nach Informationen aus solchen Bereichen, die wir persönlich nicht erschliessen. Darum sind Kino, Fernsehen und Boulevardpresse so beliebt.
Wirklichkeit ist also etwas völlig subjektives und von den Fähigkeiten, sinnlich wie intellektuell, des Individuums, des Subjektes abhängig sowie beeinflusst von seinen Erfahrungen und Vorstellungen.
Jeder Mensch empfindet so eine persönliche Wirklichkeit und Wahrheit.
Daraus leitet sich der Gedanke ab, es müsse eine absoluten Wirklichkeit und Wahrheit geben, die es neben unserer individuellen gibt.
Wer das behauptet muss sich aber zunächst fragen, welche Definition von "Wirklichkeit" er voraussetzen möchte. Wirklichkeit kann einfach nur der faktische Zustand im Jetzt sein. Dh. ich objektiviere alle Informationen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Diese Wirklichkeit hat dann keine zeitliche Dimension, sie ist ein eingefrorener Snapshot der Welt.
Man könnte allerdings alle vergangenen Faktoren, die "Ursachen", mit einfliessen lassen. Dann wäre man plötzlich in der absolut misslichen Situation, nicht irgenwo anhalten zu können sondern müsste die aktuelle Realität auf den Zeitpunkt bis zum theoretischen "Urknall" zurückberechnen. Und selbst wenn dies irgenwie denkbar wäre, bestünde noch die Möglichkeit, dass sich ausserhalb der uns bekannten 4 Dimensionen noch weitere unbekannte Dimensionen verbergen.
Da eine widerspruchfreie Definition von Wirklichkeit nicht möglich ist, darf folglich nicht von einer absoluten Wirklichkeit ausgegangen werden.
Das Argument wird unterstützt von wissenschaftlichen Erkenntnissen der Quantenphysik, nach der Ereignisse nicht determiniert (vorbestimmt) sind sondern einer gewissen "Zufälligkeit" unterliegen. Das Wort "Zufall" ist allerdings nicht im herkömmlichen Sinn zu verstehen, denn quantenphysikalisch gehorchen die Naturgesetze dann doch den Gesetzmässigkeiten einer Wahrscheinlichkeit und lassen sich in praktischen Anwendungen verwerten. - Aber eben nur einer Wahrscheinlichkeit!
Quantenphysikalisch ist Wirklichkeit etwas völlig Abstraktes, da ein Zustand der Realität nur dann existiert, wenn etwas mit ihm wechselwirkt. Einfach ausgedrückt, wenn jemand ihn misst, also "hinschaut".
In dem Moment, wo Beobachter und Beobachteter wechselwirken, sich gegenseitig beeinflussen, verändert sich zur gleichen Zeit die Wirklichkeit beider. Eine Wirklichkeit, die sich durch ihre betrachtende Feststellung verändert, kann aber nicht absolut sein.
An sich ist es höchst verwunderlich, dass aus der Wirklichkeit etwas entstand, was sich selbst beobachtet und damit eine Supervision des Existierenden erzeugt. Uns fällt dieses Phänomen nicht mehr auf, weil es so „normal“ zu sein scheint. Blicken wir in die Welt, entdecken wir rote Dinge. Gibt es aber rote Dinge an sich? Nein, natürlich nicht. Was wir sehen sind Reflexionen des Lichts in einer bestimmten Wellenlänge. Von den ersten Tagen an lernten wir, das das „rot“ bezeichnet wird. Wir stellen es nicht mehr in Frage, weil es uns so unendlich selbstverständlich erscheint. Was wir sehen und wahrnehmen sind nicht Dinge, wie sie wirklich sind, sondern Modelle dieser Dinge in unserem Kopf, und dort bestehen sie aus elektrischem Strom und Chemie. Aber frag mal jemanden mit einer rot/grün Sehschwäche.