Jeden Abend, wenn wir im Bett liegen und einschlafen verschwindet es. - Das eigene Ich oder das Bewusstsein über uns selbst. -
Und doch, am nächsten morgen, erleben wir unsere eigene Reinkarnation. Das ist vermeintlich unspektakulär, weil es so selbstverständlich zu sein scheint und doch, bei genauerem Hinsehen, ist es verblüffend.
Wenn wir in unsere Vergangenheit zurückkehren, erreichen wir einen Zeitpunkt, wo es unser Ich noch nicht gab. Das ist für den Durchschnitt beim Menschen der Zeitraum die Lebenszeit vor dem dritten Lebensjahr. Vor dieser Zeit gab es noch kein eigenes Ich. Man redete von sich in der dritten Person.
Es ist der Zustand, in dem sich die meisten Tiere befinden bis auf die Arten, die zu einer Selbsterkenntnis fähig sind.
In dieser Zeit ist man eingebettet in die Umgebung. Man reagiert und agiert mit der Umgebung, ohne dass man selbst und die Umwelt voneinander getrennt sind. Erleben, handeln, lernen, reagieren, fühlen, .... alle diese Dinge geschehen automatisiert. Gedächtnis gibt es, sonst hätte man nichts lernen können. Sprechen zum Beispiel. Aber dieses Gedächtnis ist nicht aktiv abrufbar. Wir können es benutzen, wissen aber nicht, woher es stammt.
Alle Erlebnisse aus dieser Zeit haben unseren Charakter als Mensch geprägt und werden unser ganzes Leben bestimmen. Wurden wir in dieser Zeit verletzt -körperlich oder seelisch - so wird dies auf immer unser Menschsein und Handeln bestimmen. Nie aber wird es in unser Bewusstsein dringen, weil es Bewusstsein in dieser Zeit nicht gab.
Im dritten Lebensjahr entwickelt sich dann etwas, was die ganze Zeit geschlummert hat und nun gereift ist. Wir begreifen uns als Individuum, etwas, das von der Umwelt getrennt ist. Wir sind nicht mehr es, aussen von uns, sondern Ich, in uns. Wir begreifen uns als etwas völlig eigenständiges, dass es nie vorher gegeben hat und nie wieder geben wird. Ein menschliches Individuum. Man kann jetzt quasi aus sich herhaustreten und von außen betrachten.
Es wird möglich, eigene Handlungen nachzuerleben und nachträglich anders zu bewerten. Das sogenannte Gewissen bildet sich heraus. Man erkennt, dass man eine aus Wut und im Affekt begangene Handlung bereut. Selbstreflektion ist eine der herausragendsten Leistungen der Evolution. Die Wissenschaft hat herausgefunden, dass sogenannte Spiegelneurone im Gehirn existieren. Es das ermöglicht dem Menschen, Empfindungen anderer "nachzuempfinden" und zum Beispiel Mitleid zu empfinden.
Was wir jetzt erleben wird in unserem Gedächtnis als unsere Vergangenheit gespeichert, die wir wieder bis zu einem gewissen Grad abrufen können. Wir können uns Erlebnisse wieder gewollt in unser Bewußtsein rufen, z.B. unseren ersten Schultag, den die meisten wahrscheinlich nicht vergessen werden. Oder an ein Weihnachten, an dem wir ein ganz besonderes Geschenk bekamen. Oder an dem Tag, wo wir erkannten, dass es keinen echten Nikolaus gab.
Wir sind diese Person, dieses Ich mit diesem Namen, unverwechselbar und jedes mal, wenn wir bewusstlos werden und wieder aufwachen, sind wir immer noch diese Person. Dieser Fakt ist bis heute nicht abschliessend erforscht. Wissenschaftler vermuten, dass er in der Hauptsache durch unsere im Gedächtnis gespeicherte individuelle Erfahrung resultiert. Denn im Alter kann man einen Umkehrprozess beobachten. Menschen, die unter Demenz oder Alzheimer leiden, verlieren mit der Zeit alle ihre Erinnerungen, bis sie selbst engste Verwandte nicht mehr erkennen. Dieser Gedächtnisverlust führt dazu, dass sie sich selbst immer weniger als Individuum wahrnehmen bis sich ihre Persönlichkeit vollständig auflöst und sie ihre Menschlichkeit verlieren.
Öfters, wenn ich darüber nachdenke, dann frage ich mich. Warum lebe ich grade jetzt? Warum nicht vor tausend oder in fünftausend Jahren. Warum bin ich nicht mein Vater oder irgendeine andere Person. Natürlich habe ich ein fast unverwechselbares Äußeres. Meine Gene sind mit denen tausender Vorfahren gemischt. Mein genetischer Code ist einmalig wie meine Fingerabdrücke oder das Muster meiner Iris. Und doch bin ich mit ähnlichen Anlagen auf die Welt gekommen, wie alle anderen. Was macht es aus, dass ich genau jetzt ich bin? Lag es an meiner Umwelt? An den frühesten Erlebnissen meiner Kindheit.
Es ist davon auszugehen, dass alle Anlagen aus individuellen Genen schon beim Zeitpunkt der Geburt, ja wahrscheinlich schon bei der Zeugung festgelegt wurden. Die Umwelteinflüsse wirken sich auf einen Charakter aus, können ihn aber nicht grundlegend verändern, insbesondere nicht seine Vorlieben und Begabungen.
Nur besonders brutale Erlebnisse, Krankheiten oder Drogen werden die Persönlichkeit klinisch beeinflussen. In diesem Fall kommt es zu einer pathologischen Zerstörung der Person, die letztlich eine pathologische Zerstörung bestimmter Gehirnfunktionen darstellt. Diese Zerstörung kann sich auf die normale Bildung der Persönlichkeit auswirken. Besonders drastisch zeigt sich dies bei der Schizophrenie, der Ausbildung einer geteilten Persönlichkeit und allen anderen Geisteskrankheiten.