Zitat: "Gewaltige Magnetstürme: Die Eruptionen der Sonne sind eine ständige Gefahr. Nordlichter zucken selbst in niedrigen Breiten über den Himmel, Satelliten fallen aus, Funkverkehr und GPS-Empfang werden gestört.
Brian stand auf dem Bahnsteig und wartete auf die S-Bahn. Es war Winter und Brian fröstelte.
Tief in Gedanken versunken stand er dort und zog den Kragen seiner Jacke hoch.
Es ging ihm nicht sonderlich gut. Nein, physisch war er eigentlich völlig in Ordnung, aber die Ereignisse der letzten Tage hatten ihn so aus dem Gleichgewicht geworfen, so dass er glaubte, verrückt geworden zu sein.
Angefangen hatte es auf der Party von Sven. Sven hatte seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und seine besten Freunde eingeladen. Sie feierten im Keller von Svens Eltern. Es gab reichlich zu trinken und Brian war bereits ziemlich angetrunken gewesen, als der Unbekannte auf ihn zukam. Der Name des Unbekannten war ihm wieder entfallen, er wusste nicht einmal mehr, ob dieser ihn überhaupt genannt hatte. An das Gesicht konnte sich Brian aber sehr gut erinnern. Der Unbekannte hatte längere, mittelblonde Haare. Sein Gesicht wirkte sehr hager, fast schon ausgezehrt. Seine dunkelbraunen Augen versteckten sich hinter einer Nickelbrille mit runden Gläsern.
Später hatte er Sven den Unbekannten beschrieben und gefragt, wer es gewesen sein könne. Aber Sven konnte mit der Beschreibung nichts anfangen und vermutete, dass es wahrscheinlich ein Bekannter eines seiner Freunde war, der ihn einfach auf die Party mitgenommen hatte.
Brian hatte sich auf der Party eine gewisse Zeit mit dem Fremden unterhalten. Was genau, daran konnte er sich jetzt nicht mehr erinnern. Belangloses Zeug halt. Irgendwann hatte der Andere einen Joint aus der Tasche gezogen und zu rauchen begonnen. Das war nichts Ungewöhnliches. Auf Svens Parties war schon öfter das eine oder andere mal gekifft worden. Die Eltern von Sven waren tolerant und drückten beide Augen zu.
Der Fremde bot Brian an, den Joint zu teilen und Brian hatte danach drei oder vier tiefe Züge inhaliert. Irgendwann musste Brian eingeschlafen sein. Als er wieder aufwachte, saß er in einem Bus. Es gelang ihm nur sehr schwer, die Orientierung wieder zu erlangen. Danach registrierte er, dass es der Bus nach Hilfsfelden war, also der Richtige. Ob ihn jemand hineingesetzt hatte?
Brian starrte durch das Busfenster. Der Bus fuhr ungewöhnlich langsam - es war vielleicht glatt - und die Umgebung kam Brian relativ unbekannt war. Natürlich war es tiefste Nacht, doch Brian war die Strecke bestimmt schon hundertmal gefahren und kannte eigentlich jedes Detail. „Der verdammte Joint“, dachte er bei sich. Hoffentlich war wirklich nur Cannabis drin gewesen. “Du musst besser auf dich aufpassen“, dachte er bei sich.
Dann fuhren sie bei einem Fachwerkhaus vorbei durch dessen Fenster fahles Licht drang und Brian glaubte für einen Augenblick, den Fremden von der Party an die Hauswand gelehnt zu sehen. Genau in dem Moment, wo der Lichtschein des Busses die Hauswand streifte blitzten die Gläser einer Nickelbrille auf. Er stand an der Hauswand und rauchte etwas, das aussah wie ein Joint.
Am Morgen danach wachte Brian in seinem Bett mit einem ordentlichen Kater auf. Er wohnte im Haus seiner Eltern im Obergeschoss. Das Zimmer war groß genug, um darin zu schlafen und zu leben. Es hatte eine Tür zum Flur und eine weitere zu einem Badezimmer. Brian quälte sich aus dem Bett und schaltete auf dem Weg zum Bad seinen Fernseher ein. Im Badezimmer suchte er nach Aspirin und wühlte die Schublade durch. Er fand eine Tablette, schob sie sich in den Mund und beugte sich unter den Wasserhahn, zum nachspülen. Er wollte so schnell wie möglich schmerzfrei sein. Dann legte er sich noch mal in sein Bett.
Im Fernsehen liefen Nachrichten:
„….. kommt es verstärkt zu Sonnenflecken und Sonneneruptionen, die zeitweilig zu erheblichen Störungen des Funkverkehrs führen können. Auch der Fernsehempfang wird beeinträchtigt sein. Die USA und Russland bereiten sich darauf vor, die Kosmonauten aus der ISS zu evakuieren, bis die Strahlenintensität wieder abgenommen hat……“.
Brian hörte teilnahmslos zu. Schon seit Tagen berichteten die Nachrichtensender über die Ereignisse auf der Sonne. Es waren die stärksten Eruptionen seit Aufzeichnung durch den Menschen. Über dem Nordpol flackerten gigantische Polarlichter.
„Bist du wach, Brian?“. Es war die Stimme seiner Mutter. Sie öffnete vorsichtig die Tür und steckte den Kopf hindurch. „Wir haben uns gestern Sorgen gemacht, Svens Vater hat dich nach Hause gebracht, du warst nicht mehr ansprechbar“.
Brian war verwirrt. „ Ich bin doch mit dem Bus gefahren, oder?“
„Nein Brian, du wirst das geträumt haben, - geht’s dir gut, Junge?“
„Ja, Mam“, brachte Brian hervor.
Aber, nein, es ging ihm gar nicht gut, nur wollte er seine Mutter so schnell wie möglich wieder loswerden. Er grübelte noch lange über seine Erinnerung an die Busfahrt nach und hätte schwören können, dass es kein Traum war. Ein kalter Schauer lief über seinen Rücken. Gott sei Dank war heute Sonntag und er hatte den ganzen Tag, um sich von diesen Erlebnissen zu erholen. Morgen würde alles vergessen sein.
Unbemerkt vom Treiben auf dem Planeten spie die Sonne derweil einen weiteren gewaltigen Flare ionisierten Gases in Richtung Erde aus.
Am Nachmittag fühlte sich Brian fit. Er wärmte das Sonntagsessen auf, das seine Eltern übrig gelassen hatten und aß mit Appetit. Dann rief er seine Freundin Claudia an, vielleicht hatte sie Lust ins Kino zu gehen. Claudia wollte nicht. Sie musste am nächsten Tag eine Arbeit schreiben und sich deshalb früh ins Bett legen. So verabredeten sich zu einem Spaziergang. Es konnte Brian auch nicht schaden, wenn er sich ausruhen würde.
Brian schaute aus dem Fenster und entschied sich, sein Fahrrad zu benutzen. Zu seiner Freundin waren es nicht einmal sechs Kilometer. Eis und Schnee auf den Straßen waren weitgehend abgetaut. Mit dicker Jacke, Handschuhen und Mütze war er bald unterwegs.
An der Kreuzung bog er von der Hilfsfelder Straße in Richtung Scheckbach ab. Diese Strecke fuhr auch immer der Bus nach Hilfsfeld. Unterwegs registrierte er das Fachwerkhaus, wo er letzte Nacht aus dem Bus den Fremden zu sehen geglaubt hatte. Es lag viel weiter von der Straße entfernt als in seiner Erinnerung.
Brian war bereits einen halben Kilometer daran vorbei gefahren, als er den inneren Zwang verspürte, zurückzukehren und mit dem Rad umdrehte. Er fuhr von der Hauptstrasse in den Seitenweg und hielt vor dem Eingang des Hauses.
„Derschik“ stand an der Tür. Ohne zu zögern drückte er auf die Klingel. Es rührte sich nichts und Brian wollte bereits wieder auf sein Rad steigen, da erschien ein grauhaariger Mann mit Halbglatze in der Tür. „Was willst du, ich kenne dich nicht“, murrte er. „Sind Sie Herr Derschik, ich suche einen Bekannten von mir, lange Haare, Nickelbrille, stand zuletzt vor diesem Haus“. „Kenne ich nicht!“ antwortete der Grauhaarige unfreundlich und schloss sofort die Haustür hinter sich.
Brian ärgerte sich bereits über seinen Einfall, an dem Haus zu schellen. Er war wieder auf sein Rad gestiegen und wollte so schnell wie möglich zu seiner Freundin.
„Brian!“ rief plötzlich eine Stimme von weitem. Brian erschrak. Er konnte niemanden entdecken. Die Stimme kam aus Richtung eines Schuppens neben dem Fachwerkhaus. „Brian, hier bin ich!“
Jetzt entdeckte Brian die Gestalt. Sie trug eine Nickelbrille. Sie führte Brian in den Schuppen.
„Du kannst dich an mich erinnern?“ fragte Brian. „Klar kann ich, du nicht? Ich habe dich immerhin in den Bus gesetzt.“
„Du kannst mich nicht in den Bus gesetzt haben, Svens Vater hat mich gebracht, meine Mutter hat es mir erzählt. Ich selbst muss einen Blackout gehabt haben. Wer bist du?“
„Ich bin Erik, Brian, ich habe dich in den Bus gesetzt und du hast mich in der Nacht an diesem Haus lehnend gesehen.“
„Das ist unmöglich! Das Ganze ist eine riesige Verarsche. Was war das für Stoff in deinem Joint? Warum erzählst du solchen Blödsinn?“
„Du weißt ganz genau, dass es so gewesen ist, wie sollte ich wissen, dass du mich gesehen hast, wenn du nicht in dem Bus gewesen wärst?“
Brian setzte sich auf eine Holzkiste, ihm war schwindelig.
„Brian“, sagte Erik, “glaub mir, es gibt mehr als diese drei Dimensionen, die deine armselige Welt ausmachen, du warst im Bus, das kann ich beschwören, - wo du sonst noch warst und was du gemacht hast, davon habe ich keine Ahnung. Und der Stoff war absolut clean!“
„Wohnst du hier?“, wollte Brian fragen.
So weit kam es nicht mehr.
Brian riss die Augen weit auf. Er lag auf dem Boden im Straßengraben, neben sich sein Fahrrad ein paar hundert Meter vom Haus seiner Freundin entfernt.
Jetzt werde ich wirklich verrückt dachte er. Die Droge, die ihm diese Nickelbrille angedreht hatte, schien seinen Verstand zu zerstückeln. „Morgen muss ich zum Arzt“, dachte er. Nur nichts anmerken lassen.
Seine Freundin öffnete. „Wie siehst du denn aus?“
„Bin gestürzt“, erwiderte Brian.
„Wenn man schon mal nicht auf dich aufpasst“, feixte Claudia.
Brian kam sich wie ein Riesendepp vor. Er hatte keine Lust mehr auf einen Spaziergang und so gingen sie auf Claudias Zimmer. Der Fernseher lief. In den Nachrichten wieder neue Meldungen über jene gesteigerte Sonnenaktivität:
„…….wie das astrophysikalische Labor der Universität Oslo berichtet, werden in den nächsten Stunden die Auswirkungen der letzten Sonneneruption auf der Erde erwartet. Die Evakuierung der ISS ist eingeleitet. Da zu befürchten ist, dass der gesamte Funkverkehr beeinträchtigt sein wird, hat die Flugsicherung angewiesen, sämtliche Flüge in der besagten Zeit zu streichen…..“
Brian beachtete die Meldung kaum. Er hatte keine Absicht, am nächsten Tag ein Flugzeug zu besteigen. Er musste nur mit der S-Bahn zu seiner Arbeit kommen.
Am nächsten Morgen stand Brian auf dem Bahnsteig und wartete auf die S-Bahn. Es war Winter und Brian fröstelte. Tief in Gedanken versunken stand er dort und zog den Kragen seiner Jacke hoch.
Jemand tippte ihm auf die Schulter. Er sah sich um und erschrak! Es war Erik. Was hatte dieser kranke Wichser auf seinem Bahnsteig zu suchen?
„Ich dachte, du würdest dich ab sofort von meiner Welt fernhalten, Brian“, fragte Erik, bevor Brian sich ein wenig fangen konnte.
„Deine Welt? Dein bekloppter Stoff explodiert in meinem Kopf!“
„Brian, sei vorsichtig, du hast nichts kapiert. Die Dimensionen sind offen. Die Strahlung des Plasmas von der Sonne hat alle Tore geöffnet. Du bist ein Medium, Brian. Wie ich! Du musst auf dich Acht geben!“
Erik fasste Brian an den Schultern und schüttelte ihn.
Die S-Bahn fuhr ein.
„Ich muss so schnell wie möglich diesen Spinner loswerden“, schoss es Brian durch den Kopf.
Ungeduldig drückte er den Knopf an der Bahntüre. Die Tür klappte auf. Brian sprang hinein.
„Nein!!“ hörte er Erik brüllen.
In der Erdatmosphäre schlugen derweil hochenergetische Ionen von der Sonne ein.
Brian spürte wie er durch die Materie der S-Bahn hindurch glitt. Seltsam, kein Widerstand war zu spüren.
Das gebrüllte „Nein!“ veränderte seine Frequenz und wurde zum markerschütternden Heulton einer S-Bahn Sirene.
Brian spürte für eine tausendstel Sekunde einen Schlag Dann wurde es dunkel.
Die anderen Fahrgäste auf dem Bahnsteig schrien gellend, als ein junger Mann vor die S-Bahn sprang.
Die kurzzeitige Störung des Funkverkehrs war vorbei. Die Fernsehansagerin las vom vorliegenden Manuskript:
„….während der erhöhten Sonnenaktivitäten wurde unter der Bevölkerung eine erhöhte Selbstmordrate festgestellt. Die Wissenschaftler bestreiten allerdings jeden Zusammenhang mit den aktuell verstärkt aufgetretenen Sonnenflecken….“