Das Gehirn des Menschen leistet Erstaunliches.
Dabei liegt die "Taktfrequenz" eines einzelnen Neurons bei maximal 1000 Hertz. Die Leistung basiert also nicht auf Schnelligkeit sondern auf massiver Parallelisierung. Und auf absoluter Ökonomie.
Der Trick dabei besteht in seinem Vermögen trotz minimalistischer Informationsverarbeitung seinem "Besitzer" das Gefühl zu geben, zu 100% Prozent mit seiner Umgebung in Verbindung zu stehen.
Es ist spannend, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen.
Die Tricks des Gehirns und die Augen
Unsere Augen haben ein Sehfeld von horizontal 170° und vertikal 110° und wir haben das Gefühl, dass wir diesen Bereich gut überblicken. In Wirklichkeit sieht ein Mensch nur auf 2° (das ist kein Tippfehler) scharf, das sind ungefähr 1,5% des gesamten Gesichtsfeldes.
Sie können das ausprobieren indem Sie aus 40 cm auf einem Text genau ein Wort fixieren und dann versuchen, den Rest der Seite zu lesen, ohne die Augen zu bewegen. Abgesehen davon, dass es schon schwierig ist, die Augen nicht bewußt zu bewegen, können Sie grade noch die Nebenwörter erkennen. Nur 70.000 Zellen in jedem Auge stehen ihnen für absolut scharfes Sehen zur Verfügung.
Der Gesamteindruck entsteht im Gehirn, weil Augen ständig die Szenerie abtasten und das bis zu 6 mal pro Sekunde. Aus diesen Informationen entwickelt das Gehirn ein "Gesamtbild" der Situation. Also mit zwei
0,07 Megapixel Kameras. Jetzt ist auch verständlich, warum wir manchmal etwas übersehen. Ein Tempolimit zum Beispiel oder das Auto beim überqueren der Straße.
(Ganz krass kann mich das vor Augen führen, wenn man sich das Video am Ende dieser Seite anschaut.)
Und wir sitzen nicht gern ganz vorn im Kino.
Bilder entstehen im Kopf, nicht im Auge
Aus den Licht- und Farbinformationen "bastelt" sich unser Gehirn die Wirklichkeit zusammen. Dabei komplettiert es Muster zu fertigen Bildern. Aus einer Strichzeichnung wird so zum Beispiel ein Gesicht. Aus diesem Grund können wir auch Gesichter oder Figuren in Wolkenformationen erblicken oder vielleicht ein UFO?
Folglich wird vom Gehirn gar nicht "neu" gesehen. Offenbar kombiniert es Sehinformation mit gespeicherter Erinnerung zu einem fertigen Bild. Das hat den Vorteil, dass nicht jedes mal ein aufwendiges Seh-Erkennungsprogramm ablaufen muss, sondern "Bild-Templates" zusammengesetzt werden.
Aus diesem Grunde gibt es auch die optischen Täuschungen, die das Gehirn überlisten und ihm unmögliche Seh-Resultate liefern.
Die Tricks des Gehirns in Bezug auf selektive Wahrnehmung.
Folgende Situation. Sie sind in einer Besprechung und plötzlich reden alle Teilnehmer wild durcheinander (das kennt man ja). Trotzdem ist es uns möglich, sich auf eine Person zu konzentrieren und sie zu verstehen, indem andere Teilnehmer einfach ausgeblendet werden. Der Nachteil, - wir können nur das aufnehmen was diese Person sagt. Spricht uns jemand an, auf den wir uns nicht konzentriert haben, müssen wir nachfragen, was er gesagt hat. Das Gehirn ist nur eingeschränkt zu paralleler Verarbeitung fähig. Dies zeigt sich schön bei Simultanübersetzern, die zuhören und mit Verzögerung das Gehörte übersetzen. Dies erfordert Talent und sehr viel Training und ein Dolmetscher muss alle 30 Minuten eine Pause machen, da er schnell ermüdet.
Das Gehirn vermeidet eine Überlastung, indem es Informationen ignoriert, die aktuell nicht wichtig erscheinen. Das steuern wir häufig auch unbewußt. Unterschiedliche Unfallzeugen beschreiben den Unfall aus ihrer Sicht unterschiedlich und leider zum Teil widersprüchlich.
[siehe auch: Warum die Welt nicht wirklich Wirklich ist]
Der Trick des Gehirns beim Lernen
Sie kennen das. Es gibt Dinge, die lernen wir einfach leichter als andere. Unser Gehirn ist "faul". Warum soll es sich mit Informationen herumquälen, die es nicht verwerten kann. Fahren wir zum Beispiel auf der Autobahn in den Urlaub, so würde es keinen Sinn machen, sich die Bilder der gesamten Strecke einzuprägen, abgesehen davon, dass das gar nicht möglich wäre. Die Landschaft rauscht an uns vorbei. Als Fahrzeugführer müssen wir hingucken, damit wir keinen Crash haben. Speichern müssen wir die Informationen aber nicht. Wenn jemand ein routinierter Fahrer ist, geschieht die Fahrerei quasi vollautomatisch. Fragen Sie den, welche Fahrzeuge er seit 1 Minute überholt hat, so kann er darauf nicht antworten. Unser Gehirn wirft überflüssige Informationen einfach fort und das ist auch gut so.
Jetzt geschieht aber Folgendes. Hinter ihnen taucht ein Drängler auf, der Sie mit seiner Lichthupe von der Autobahn pusten möchte. Oder Sie erblicken etwas am Straßenrand, was eine besondere Beachtung bei Ihnen auslöst. Sie können sich darauf verlassen, diese Informationen wandern ins Gedächtnis.
Zustände, die uns schocken und auch Dinge, die Hochgefühle auslösen müssen abgespeichert werden, da sie den Erfahrungsschatz erweitern. Das ist schon im genetischen Programm festgelegt. Diese Eindrücke sind so prägend, da sie mit einer Ausschüttung von Hormonen verbunden sind und in tieferen Regionen des Bewußtseins abgelegt werden.
Aber auch Dinge, für die wir uns begeistern, wandern ins Gedächtnis. Jeder kennt es. Wenn wir unserem Hobby frönen ist uns nichts zu schwer. Bereitwillig studieren wir Handbücher, Anleitungen, Erfahrungsberichte, probieren und arbeiten bis tief in die Nacht hinein. Was uns Spaß bereitet, aktiviert unser Belohnungssystem im Gehirn.
Ist der Lernstoff jedoch für uns uninteressant oder unverständlich, fällt es schwer mit der Merkfähigkeit.
Viele kennen das aus dem Mathematikunterricht. Bei Mathematik geht es um Abstraktion mittels Formeln. Und diese Abstraktion gelingt vielen Menschen ab einem gewissen Niveau nicht mehr. Da sie es nicht verstehen, beginnen sie Formeln auswendig zu lernen. Dies mag auch mit den Lehrmethoden einiger Pädagogen zusammenhängen, die Mathematik nicht erklären sondern nur hervorragend anwenden können. Verstehen und Behalten bedeutet aber, dass ich Wissen mit anderer Information im Gehirn verlinke. Das clevere an verlinkter Information ist, dass sie leichter "rekonstuierbar" wird. Nicht verlinkte Information ist isoliert und verliert sich aus unserer Erinnerung. Der bekannteste Beweis ist die Mnemotechnik. Bei der Mnemotechnik fügt man bereits gespeicherten neue Informationen hinzu.